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2020-04-06

Wywiad na łamach niemieckiego magazynu Ox-Fanzine

Was sagt es über eine Band aus, wenn Iggy Pop sie in einer BBC-Radioshow als „clever and strong group“ bezeichnet? Vielleicht, dass hier ein paar selbstbewusste Kerle mit einem gewissen Hang zu Dramatik am Werk sind.

Die Polen TRUPA TRUPA, 2019 von Sub Pop geisgnt, lassen mit ihren demokratisch zusammengepuzzleten Tracks jedenfalls reichlich Interpretationsspielraum: Politik, Zeitgeschichte, Philosophie, unterlegt von einem bittersüßen, an die düsteren Seiten der Rockmusik angelehnten Zitatefeuerwerk. Was ihnen wichtig ist, erklärt Frontmann Grzegorz Kwiatkowski.

Düsternis, einer der zentralen Fixpunkte für TRUPA TRUPA?

Stimmt, wir treten da in die Fußstapfen des österreichischen Autors Thomas Bernhard und seiner dunklen Art von Literatur. Die Auseinandersetzung mit sehr düsterer Kunst führt dir die dunklen Seiten der menschlichen Natur vor Augen. Auf diese Weise schafft sie gleichzeitig auch ein stärkeres Bewusstsein für ethisch-moralische Dinge.

Spielt eure Heimatstadt Danzig in diesem Zusammenhang auch eine Rolle?

In gewisser Weise schon, auch sie ist von Widersprüchen geprägt. Die Stadt ist umgeben von einer beeindruckend schönen Natur, vom Meer und endlosen Wäldern. Die Solidarnosc-Bewegung ging von Danzig aus, der Sieg über den Kommunismus begann in Danzig. Auf der anderen Seite begann auch der Zweite Weltkrieg in Danzig und das Konzentrationslager Stutthof liegt in der unmittelbaren Umgebung. Hier prallen also tragische und großartige Momente der Geschichte direkt aufeinander. Danzig ist keine Stadt des rechten Flügels, des Nationalismus und Populismus. Sie ist im Vergleich zu vielen anderen polnischen Städten eine sehr offene, liberale Stadt. Das trifft auch auf die Kunstszene zu, was sie jetzt nicht unbedingt besser macht, aber es wird sich einfach stärker auf demokratische Ideen besonnen, auch in der Kunst. Im Gegensatz zum restlichen Polen stehen sich die Leute hier näher, es gibt weniger Grabenkämpfe zwischen Rechten und Linken. Vielleicht hat da die Schönheit der Natur um uns herum einen positiven Einfluss auf unsere Seelen?

Und TRUPA TRUPA sind eine demokratisch geprägte Band.

Ja, TRUPA TRUPA sind demokratisch strukturiert. Meine Stimme ist also nicht gleichbedeutend mit TRUPA TRUPA, sie macht nur 25% aus. Jeder von uns hat das Recht auf seine eigene Sichtweise und Meinung. Mein Fokus liegt beispielsweise auf der geschichtlichen Dimension, einem der zentralen Einflüsse auf unsere Band und auch jede Person, die hier in Polen lebt. Die tragische Geschichte, die ihre traumatischen Spuren in fast jeder Familie Polens hinterlassen hat, durch die Zeit des Kommunismus, den Zweiten und den Ersten Weltkrieg. Auf dem Territorium Polens hat einer der größten Genozide stattgefunden, das erzeugt einen entsprechend großen Widerhall. Ich bin tatsächlich sehr auf Geschichte fokussiert, aber TRUPA TRUPA bestehen nicht nur aus Grzegorz Kwiatkowski und es geht daher auch nicht nur um Politik und Zeitgeschichte. Meiner Meinung nach haben wir eine gute Balance zwischen Geschichte, Information und simpler Romantik gefunden. Am wichtigsten ist immer noch die Musik selbst. Ich interessiere mich für Geschichte, meine Bandkollegen eher für Kunst, deshalb sind wir Künstler und keine Historiker.

Hat die derzeitige Populismuswelle für diese eher gesellschaftspolitisch- historische Lesart eurer Musik gesorgt?

Das spielt für die Fragen von journalistischer Seite bestimmt eine Rolle. Das war vor ein paar Jahren
noch nicht so, obwohl wir damals auch schon dieselbe Band waren. Die Resonanz diesbezüglich ist jetzt höher, die Zeiten haben sich geändert, aber wir haben uns als Künstler eigentlich nicht verändert. Populismus, dieses sehr zynische Spiel mit den Ängsten der Menschen, diese Instrumentalisierung großer Menschenmassen hat bei uns eine gewisse Angst vor Politik ausgelöst, vielleicht auch eher eine Art Hass auf diese Mechanismen. Jemandem etwas vorsetzen, das er hören will, nur um sich besser verkaufen zu können, das ist so ziemlich der schlimmste Taschenspielertrick, den ich mir vorstellen kann. Und das fällt dann gerade in diesen Zeiten einfach besonders ins Auge.

Ist Musik nicht bis zu einem gewissen Grad auch ein populistischer Mechanismus?

Musik ist eine Art Indoktrination, klar, und gleichzeitig ist Indoktrination auch ein Instrument des Populismus. Auf die Musik von TRUPA TRUPA trifft das aber meiner Meinung nach nicht zu. Unsere Musik lässt den Hörern viel Freiraum, er sucht sich einen Erzählstrang aus. Diese Interpretationsoffenheit schließt Indoktrination aus. Dennoch solltest du dir auch in Sachen Musik grundsätzlich bewusst sein, dass möglicherweise jemand über diesen Weg versucht, Macht über dich zu gewinnen.

Du gehst die Dinge allgemein recht philosophisch an.

Ja, ich habe Philosophie an der Universität Danzig studiert, Philosophie ist natürlich ein Thema für mich und das hat auch Rückwirkungen auf die Band. Arthur Schopenhauer, einer der größten Philosophen, wurde in Danzig geboren und lebte dort auch eine Weile lang. Er ist besonders für die Kunst sehr wichtig, weil er viel über Ethik, Ästhetik und Pessimismus geschrieben hat. Wittgenstein ist auch superwichtig für mich, und Friedrich Nietzsche. Philosophie als Kunst des Denkens und des Dialogs, als Kunst des respektvollen Umgangs miteinander, das halte ich für sehr wichtig und das kommt heutzutage leider häufig zu kurz.

Würdest du eure Musik als pessimistisch bezeichnen?

Das kann man sehen, wie man will. Unsere Musik hat diese paradoxe Komponente, ich würde es eher als belebenden Pessimismus bezeichnen. Einerseits ist unsere Musik düster und befasst sich mit tragischen Inhalten, andererseits ist sie aber auch sehr vital, fast fröhlich. Pessimismus kann sehr gefährlich werden, gerade wenn es in Richtung Nihilismus geht. Meiner Meinung nach sollten wir niemals aufgeben, wir sollten uns der Leiden und der Mechanismen des Lebens bewusst sein, aber wir sollten in ethischer Hinsicht so gut leben wie möglich. Das gilt auch für die Kunst. Pessimismus ist gut, um sich Dinge bewusster zu machen, aber er sollte nie ohne eine vitalere Kraft eingesetzt werden. Ich glaube fest daran, dass alles gut werden kann. Realistisch betrachtet leiden Menschen eigentlich zunehmend weniger, andererseits leiden Tiere immer mehr, das ist schon eine komplizierte Sache. Ich denke aber, die Dinge gehen zunehmend in eine richtige Richtung, nur sehr langsam natürlich, in eine Richtung des minimalen Leids.

Du glaubst also an eine positivere Zukunft.

Ich weiß nicht, was die Zukunft genau bringen wird, aber wir sollten uns weiter für einen guten Weg einsetzen, protestieren, bewusst durch das Leben gehen und nicht aufgeben. Irgendwie sollten wir auch optimistisch sein, unser Leben sollte Spuren im positiven Sinne hinterlassen. Deswegen sollten wir nicht nur Menschen respektieren, sondern jede Lebensform.

Schlägt sich dieser pessimistisch-optimistische Dualismus in eurem musikalischen Experimentalismus
nieder?

Ein Stück weit schon, hier spielt auch der Zufall eine zentrale Rolle. Wir sind keine außergewöhnlich großartigen Musiker, wir haben keine tollen Kenntnisse in Sachen Instrumente, musikalische Apparaturen, elektronische Bearbeitungsmöglichkeiten oder so. Aber sehr oft machen wir etwas, während wir eigentlich probieren, etwas ganz anderes zu erzeugen, und denken dann, das klang ja super. Glückliche Zufälle eben. Die besten Teile unserer Platten entstanden nicht nach einem Masterplan, sondern aus Fehlern. Natürlich lösen diese Fehler oft auch erst mal Unbehagen aus, aber mit ein bisschen mehr Distanz zur Sache erkennt man dann die Großartigkeit dahinter. Wir erzeugen also aus etwas zunächst scheinbar Negativem etwas Positives. Das gilt auch auf der Bühne. Wenn die Gitarre kaputtgeht, der Monitor nicht mehr funktioniert oder so, wachen wir eigentlich erst auf. Wenn wir Probleme haben, haben wir eigentlich keine Probleme … Wenn uns ein großes Problem stresst, setzt das einen positiven Mechanismus in Gang. Wenn alles seinen gewohnten Gang geht, sind wir einfach nur gelangweilt, eine zu professionelle Umgebung ist nicht unser Ding. Wir passen nicht sonderlich gut in den Mainstream, sind ein psychedelisches Nischenprojekt, spielen defi nitiv keine komplett durchgetaktete Radiomusik.

Immerhin habt ihr mittlerweile aber auch auf dem renommierten US-Label Sub Pop veröffentlicht.

Jonathan Poneman, einer der Sub Pop-Gründer, ist eine Art Mitglied der TRUPA TRUPA-Familie, wir haben aber auch schon eine Menge auf anderen Labels veröffentlicht. Auf Glitterbeat, Lovitt Records, einem Schwesterlabel von Dischord, wir arbeiten auch zunehmend mit japanischen Labels und nach wie vor sind auch polnische Labels wichtig, aber nicht am wichtigsten. Das Wichtigste an der Musik ist immer noch die Musik selbst, dicht gefolgt von Freundschaften. Gute Freunde, eine Art Familie zu haben, ist enorm wichtig, nicht Labels oder große Labelnamen. Es klingt natürlich großartig, auf Sub Pop zu sein, für TRUPA TRUPA sind Erfolg und Karriere aber nicht das Wichtigste. Wichtiger ist, gute Beziehungen zu knüpfen. In der Band, zum Publikum, zu anderen Menschen im Musikgeschäft. Wir versuchen, im Rahmen unserer Möglichkeiten die besten Lieder zu schreiben, und wir haben uns diesbezüglich schon deutlich weiterentwickelt. Aber der Weg ist das Ziel, nicht der Erfolg. Wir lieben es, zu spielen und dabei Leute zu treffen, wir sind aber keine Entertainer im Clownssinn, unsere Shows sind immer ein wenig seltsam. Irgendwie passen wir nicht so richtig in die heutige Zeit. Andererseits sind wir am Leben, also alles gut.

Musikalisch gesehen gibt es aber sicherlich auch ein paar Einfl üsse aus dem Mainstream, oder?

Schon, aber jedes TRUPA TRUPA-Mitglied hört etwas anderes bevorzugt, diese Einfl üsse werden dann alle in
einen Topf geschmissen und kräftig durchmischt. Ich höre zum Beispiel hautsächlich klassische Musik, Franz Schubert, Mozart, Glenn Gould, Bach, Wagner. Nur etwa zehn Prozent der Musik, die ich höre, ist Rock’n’Roll. Die anderen hören beispielsweise FUGAZI, MINOR THREAT, SONIC YOUTH, SWANS, wir alle lieben die BEATLES und VELVET UNDERGROUND. Grundsätzlich hören wir Musik aber immer auf eine etwas andere Art und Weise und müssen dann im Studio Kompromisse fi nden und das ist wirklich heftig, wenn du das komplett demokratisch aufziehst, es ist ganz und gar nicht einfach. Aber es ist echt, es hört sich jetzt nicht nach superpoliertem, professionellem Kram an, an dem alles am richtigen Platz ist, aber das fände ich ehrlich gesagt auch viel zu langweilig.

GEGEN DAS VERGESSEN

Grzegorz Kwiatkowski ist nicht nur Sänger und Gitarrist der Band TRUPA TRUPA, sondern auch Lyriker. Seine oft autobiografisch eingefärbten Texte beschäftigen sich – wie die bei TRUPA TRUPA auch – mit der dunklen Seite des menschlichen Daseins, mit Krieg, Tod, Massenmord und Genozid. Kwiatkowskis Großvater war Insasse des Konzentrationslagers Stutthof nahe Danzig, in dem ungefähr 65.000 Menschen ums Leben kamen, was dieses Thema zu einem zentralen Fixpunkt der Familiengeschichte macht. Auf einem seiner Besuche stößt Grzegorz 2015 in einem Waldstück nahe des Lagers auf eine große Menge von Resten vergrabener Schuhe. Es ist die letzte einer noch während des Zweiten Weltkriegs angelieferten Fuhre von Schuhen aus anderen Konzentrationslagern, die von den Häftlingen Stutthofs auf Vordermann gebracht oder anderweitig verwertet werden sollten, um sie dann im Deutschen Reich wieder unter die Leute bringen zu können. Nach dem Ende des Krieges wurden sie vergraben und schon mehrfach wiederentdeckt. Kwiatkowski ist allerdings der Erste, der die Schuhe im Stutthof-Museum ausgestellt wissen will, was die polnischen Behörden bislang vehement ablehnen. Grzegorz Kwiatkowski setzt sich weiter mit Nachdruck gegen das Vergessen und Verleugnen ein, in der Kunst wie im Alltag.

Anke Kalau, www.ox-fanzine.de